Prof. dr. Andrea
Musacchio


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Auf der Suche nach den Spielregeln des Lebens

Herr Professor Musacchio, Sie sind in Rom aufgewachsen, haben eine Zeitlang in den USA und mehrere Jahre in Mailand gelebt. Was führt einen gebürtigen Italiener an ein Forschungsinstitut in Dortmund?

 

Musacchio: Um ehrlich zu sein: Als ich vor mehreren Jahren eingeladen wurde, mir das Institut anzusehen und mir zu überlegen, ob ich hier arbeiten und forschen möchte, war ich ziemlich skeptisch. Ich wusste zwar, dass hier richtig gute Leute wie Roger Goody und Alfred Wittinghofer sind, die unter anderem im Bereich der Krebsforschung hervorragende Arbeiten veröffentlicht hatten. Ich wusste auch, dass die Max-Planck-Gesellschaft Wissenschaftlern sehr gute Arbeitsbedingungen bietet. Trotzdem war ich zunächst nicht wahnsinnig begeistert von der Idee, mit meiner Familie hierher zu ziehen.

 

Woran lag das?

Vor allem daran, dass ich die Stadt und das Institut überhaupt nicht kannte. Dortmund ist nun einmal nicht der Mittelpunkt der Welt. Alle Welt spricht über Berlin oder New York. Aber Dortmund, Essen oder Bochum – das hat mir alles wenig gesagt.

 

Wodurch hat sich Ihre Meinung geändert?

Das hört sich vielleicht ein bisschen pathetisch an, aber es stimmt: Als ich das Institut zum ersten Mal besucht habe, war ich wirklich baff. Das, was ich hier sah, übertraf alle meine Erwartungen. Sowohl das Equipment, also die Ausstattung mit High-Tech-Geräten, als auch die enorme technische und chemische Expertise, die es hier gibt. Auf einmal wurde mir klar: Die Möglichkeiten, die ich hier habe, meine Forschung voranzubringen, sind einfach paradiesisch. Und wissen Sie was? Heute sehe ich sogar einen Vorteil darin, dass dieses Institut nicht in einer der genannten Städte liegt.

 

Wie meinen Sie das?

Meine Familie und ich haben nicht nur schnell gemerkt, dass man hier gut leben kann. Dortmund ist erstaunlich grün, es gibt ein riesiges Angebot an Sport und Kultur. Und die Menschen, die hier leben, sind enorm offen, herzlich und hilfsbereit. Das hat es uns leicht gemacht, uns hier schnell wohlzufühlen. Hinzu kommt noch etwas anderes. Das Max-Planck-Institut in Dortmund zieht auch einen bestimmten Typus von Forschern an und zwar den, mit dem es Spaß macht, zusammen zu arbeiten.

 

Wie würden Sie diesen Typus von Forscher beschreiben?

Denjenigen, die zu uns kommen, geht es wirklich um die Sache. Die folgen nicht irgendeinem Trend, in eine Stadt zu gehen, die gerade angesagt ist, sondern die brennen für Wissenschaft, die wollen in die Tiefe gehen. Und die schauen sich genau an, wo sie die besten Bedingungen dafür finden, sich als Forscher weiterzuentwickeln.

 

Was treibt Sie selbst als Wissenschaftler an? Hatten Sie schon immer ein Faible für Zellbiologie und Krebsforschung?

Nein. Dazu kam ich erst auf Umwegen. Als Schüler wollte ich Schriftsteller oder Historiker werden. Tatsächlich habe ich in den ersten drei Jahren an der Universität auch nicht Biologie oder Medizin studiert, sondern Literatur, Philosophie und Philologie.

 

Und was hat Sie dazu gebracht, dann einen ganz anderen Weg einzuschlagen?

Eines Tages habe ich ein Buch des italienischen Dichters und Philosophen Giacomo Leopardi gelesen, der im 19. Jahrhundert sehr einflussreich war. Das hat mich sehr geprägt und in gewisser Weise auch meinen weiteren Lebensweg bestimmt.

 

Worum ging es in diesem Buch?

Leopardi war Existentialist und hat sich mit sehr grundlegenden Fragen der Natur und unseres Daseins befasst, wie zum Beispiel: Was ist Leben? Warum sind wir hier? Lohnt es sich, gelebt zu haben? Und wenn ja: warum? Darüber zu philosophieren ist spannend. Aber ich habe irgendwann für mich gemerkt, dass es mir nicht genügt, über diese Fragen nachzudenken und zu diskutieren. Ich wollte ihnen mit Hilfe der Naturwissenschaften auf den Grund gehen. Das hat mich zur Biologie gebracht.

 

Und heute sind Sie Krebsforscher. Viele Menschen verbinden damit die Hoffnung, dass Wissenschaftler wie Sie Therapien für bislang unheilbare Tumoren finden

Natürlich wäre es wunderbar, wenn wir dazu beitragen könnten, dass man Krebs künftig erfolgreicher behandeln kann. Aber der Schwerpunkt unserer Arbeiten liegt auf der Grundlagenforschung. Das heißt, wir wollen herausfinden, wie Krebs entsteht und wie man Tumoren daran hindern kann, zu wachsen oder sich im Körper auszubreiten. Aber uns geht es zunächst und in erster Linie darum, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, nach welchen Regeln sich Zellen teilen und vermehren. Deshalb unterscheidet sich unser Blick auf ein Phänomen wie Krebs deutlich von dem eines Mediziners.

 

Inwiefern?

Bei uns steht nicht ein konkretes Anwendungsziel im Vordergrund. Wir wollen vielmehr ganz allgemein herausfinden, nach welchen Regeln das Spiel des Lebens innerhalb einer Zelle funktioniert. Wann und wie sie sich teilt und vermehrt, warum dieser Vorgang außer Kontrolle geraten kann und wie er sich beeinflussen lässt. Wir untersuchen daher die Mechanismen, die hinter diesen Prozessen stehen. Das Besondere an diesem Institut ist, dass wir das in einer holistischen, also ganzheitlichen Weise tun können: Durch die enge Verzahnung von Chemie und Biologie decken wir nicht nur ein breites Spektrum an Methoden ab. Wir können die Dynamik und das Verhalten von Zellen auch auf allen Ebenen erforschen. Die Größenordnungen reichen von kleinen chemischen Molekülen, die gerade mal ein Zehntel von einem Nanometer groß sind, über große Proteinkomplexe bis hin zu ganzen Zellen mit einer Dimension von mehreren Mikrometern.

 
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